Obstkorb-Kultur : Wenn Benefits das Problem kaschieren.

Warum sich Jobsuche für viele wie ein Glücksspiel anfühlt

Christian Milerski ist kein Berater, kein Coach, kein Speaker mit Anzug und Flipchart. Er ist Werkzeugmechaniker, seit vier Jahren bei seinem dritten Arbeitgeber, und nebenbei hat er über zehntausend Bewerbererstgespräche geführt. Genau diese doppelte Perspektive – Arbeitnehmer und Recruiter – macht ihn zu Gast Nummer eins, wenn es um die unbequeme Frage geht: Ist Jobsuche heute planbar, oder ist sie ein Glücksspiel?
 

Führung ist keine Talentfrage

Christians erste These sitzt: Führungskräfte werden nach den falschen Kriterien ausgesucht. Lange Betriebszugehörigkeit, hohe Fachexpertise, viel Einsatz – das macht wertvolle Mitarbeiter, aber nicht automatisch gute Führung. Wer so jemanden ohne Ausbildung in Führung schickt, macht den Bock zum Gärtner. Christian bringt es auf den Punkt: „Führung ist kein Talent und kein Geschenk, sondern eine Entscheidung, eine Einstellung.” Gute Führungskräfte schaffen kein System, in dem Mitarbeiter zu funktionieren haben – sondern ein Umfeld, in dem Menschen funktionieren wollen.
 
Obstkorb Kultur Wenn Benefits das Problem kaschieren. visual selection-humanunternehmer
 

Der Obstkorb als Symbol einer gescheiterten Kultur

Stellenanzeigen versprechen intensive Einarbeitung, pünktliche Bezahlung, ein nettes Team – und einen Obstkorb. Für Christian ist genau dieser Obstkorb längst zum Warnsignal geworden: „Ein Obstkorb, der für mich inzwischen zum Synonym für Unterdrückung und Ausbeutung geworden ist.” Sein Punkt: Unternehmenskultur entscheidet sich nicht im Bewerbungsgespräch, sondern an einem ganz normalen Dienstagvormittag, wenn es stressig wird und Führungskräfte trotzdem respektvoll bleiben sollen. Materielle Benefits lösen kein kulturelles Problem.
 

Wenn Mitarbeiter über den Chef entscheiden

Der vielleicht spannendste Teil des Gesprächs ist Christians eigene Erfahrung bei seinem aktuellen Arbeitgeber. Statt der klassischen Bewerbung gilt dort die umgedrehte Bewerbung: Das Unternehmen bewirbt sich beim Kandidaten, nicht umgekehrt. Wer Interesse hat, läuft zwei bis fünf Tage im Betrieb mit, lernt die künftigen Kollegen kennen – und dann passiert etwas Ungewöhnliches. Nicht der Chef entscheidet, ob der Mensch bleibt und zu welchem Gehalt. „Das beantworten die späteren Kollegen. Die sagen hopp oder top.” Wer schon länger dabei ist, kennt den Markt und die Menschen, die reinpassen würden, besser als jede Stellenanzeige es je könnte.
 
Obstkorb Kultur Wenn Benefits das Problem kaschieren. visual selection 1-humanunternehmer

Recruiting als Glücksspiel – wenn Verzweiflung das Vorstellungsgespräch führt

Christian kennt beide Seiten des Tisches, und genau deshalb tut die Antwort auf die titelgebende Frage weh. Recruiting fühlt sich für ihn wie Casino an, „wenn ich merke, dass ein Unternehmen so verzweifelt auf Mitarbeitersuche ist, dass sie quasi alles einstellen, was irgendwie gerade ausläuft” – und die Führungskraft im Gespräch selbst schon resigniert hat, weil sie weiß, dass die Bedingungen nicht stimmen, der Chef sie aber nicht anpassen will. Wer in diesem Zustand einstellt, bekommt keine Passung, sondern Notlösungen mit Ablaufdatum.
Nur angerissen, aber im Gespräch mindestens genauso wichtig: der erste Arbeitstag. Gunnar erzählt von seinem eigenen Einstieg als frisch Studierter – hochmotiviert, aber niemand hatte informiert, dass er kommt. Erster Tag: auf dem Pilotenkoffer im Foyer gesessen, weil kein Büro vorbereitet war. Christian dagegen wurde von seinem Abteilungsleiter am Haupteingang abgeholt, direkt den Kollegen vorgestellt und noch am ersten Tag produktiv eingearbeitet. Der Unterschied zwischen beiden Geschichten zeigt, wie viel Führung schon vor dem eigentlichen Job entscheidet.
 
Obstkorb Kultur Wenn Benefits das Problem kaschieren. visual selection 2-humanunternehmer

Was das für Unternehmer bedeutet

Christians Fazit ist unbequem, aber klar:
Wer als Arbeitgeber noch die letzten Jahre der Marktmacht auf seiner Seite spürt, hat die Verschiebung nicht verstanden. Es geht nicht mehr darum, Mitarbeiter zum Durchhalten zu bewegen, sondern darum, ein Umfeld zu bauen, in dem Menschen bleiben wollen – ohne unrealistische Versprechen, ohne Obstkorb-Ablenkung, mit einer Führung, die Führung tatsächlich gelernt hat.
Die ganze Folge mit noch mehr Praxisbeispielen – vom Lkw-Fahrer, der wegen Lenkzeiten kündigt, bis zur Bewerberin mit 4.500 Euro netto Wunschgehalt für eine 37-Stunden-Woche – gibt es jetzt auf 
 

 

Reinhören lohnt sich, wenn du wissen willst, wie sich dein Unternehmen aus Sicht der Menschen anfühlt, die du gerade suchst.
5/5 - 1

War diese Anregung für dich interessant? Möchtest du auch künftig keinen neuen Blogartikel verpassen und obendrein regelmäßig einen exklusiven Alltags-Tipp von mir erhalten? Dann empfehle ich dir meinen Newsletter zu abonnieren.

Weitere Artikel

Bild von Gunnar Barghorn

Gunnar Barghorn

Dein Vortrag für mehr
Leichtigkeit in Deinem
Unternehmen.

Inhaltsübersicht
TEILE DIESE VERANSTALTUNG
humanunternehmer.de/?p=239003

Newsletter

Verpasse keine Neuigkeiten vom Humanunternehmer und melde dich jetzt zum Newsletter an! So bleibst du jeden Monat auf Stand. Außerdem erhältst du als Newsletter-Abonnent immer wieder Vorteile wie exklusive Zugänge oder Rabattcodes.