Bernd Ahrendt über Viktor Frankl und vieles mehr

Bernd Ahrendt über Viktor Frankl und vieles mehr

Sinn bei der Arbeit – Quatsch oder das Einzige, was wirklich trägt?

Ich gebe es zu: Wenn jemand mit Professor, Doktor und 23 Publikationen zu mir in den Podcast kommt, bin ich gespannt.
Und ein bisschen neugierig, ob wir uns auch was zu sagen haben.
Bernd Arendt und ich – das war schon beim ersten Mal klar: Hier kreuzen wir die Klingen. Intellektuell, aber mit Freude.
In dieser Folge geht es um Viktor Frankl, um Sinn in der Arbeit und um die Frage, warum „sinnlos” eigentlich kein gültiger Begriff ist.
Und um eine Nacht, in der ich den Laden schon im Geiste dichtgemacht habe.

 

1. Wer ist Viktor Frankl – und was hat er mit deinem Unternehmen zu tun?

Frankl war Psychiater, Neurologe und Begründer der Logotherapie – der sinnzentrierten Psychotherapie.
1905 in Wien geboren, hat er als Jude vier Konzentrationslager überlebt und danach sein Leben dem gewidmet, was er schon vorher erkannt hatte: Der Mensch braucht Sinn. Nicht als Luxus. Als Grundbedingung.
Was Bernd in diese Folge mitbringt: Frankl konsequent in die Welt der Organisationen und Führung übersetzen.
Sein Ansatz an der FOM Hochschule für Ökonomie und Management – alles, was mit Personalmanagement zu tun hat – dreht sich genau darum: Welches Menschenbild liegt deiner Führung zugrunde? Und ist es dem Menschen überhaupt gerecht?

 

2. „Sinnlos” gibt es nicht – aber sinnwidrig schon

Das hat mich ehrlich überrascht.
Frankl sagt: Jede Situation enthält eine sinnvolle Möglichkeit. Immer. Die Frage ist nur, ob ich sie erkenne und ob ich sie realisiere.
Sinnlos ist keine Tatsache. Es ist ein Gefühl. Oft ein berechtigtes, aber kein Urteil über die Realität.
Was es stattdessen gibt: Sinnwidrigkeit. Also Situationen, in denen etwas dem Sinn zuwiderläuft. Wo etwas falsch läuft, nicht fehlt.
Allein dieser Perspektivwechsel – von „das hat keinen Sinn” zu „was läuft hier falsch?” – verändert, wie ich mit einer Situation umgehe.
Für Unternehmer und Führungskräfte heißt das: Aufgabe der Führung ist es, sichtbar zu machen, worauf eine Tätigkeit einzahlt. Nicht mit großen Purpose-Kampagnen. Sondern im konkreten Gespräch, am konkreten Arbeitsplatz.

 

3. Die Nacht vor dem Bankgespräch

2013, 2014 – das Unternehmen war hart am Wind.
Liquiditätsreichweite in Wochen. Manchmal bei null. Wir haben buchstäblich von der Hand in den Mund gelebt.
Die Nacht vor einem entscheidenden Bankgespräch habe ich etwas gemacht, was ich eine Angstreise nenne.
Ich bin im Kopf komplett durchgegangen, was passiert, wenn die Bank uns die Linie zieht. Schritt für Schritt. Detailliert. Amtsgericht, Insolvenzverwalter, Betriebsversammlung, leere Hallen, letzter Schlüssel.
Und dann – da, wo die meisten aufhören – habe ich weitergedacht.
Okay. Und dann? Was mache ich dann eigentlich?
Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Ich will reden. Ich will meine Erfahrungen teilen. Ich will zeigen, dass Führung auch anders geht.
Am nächsten Morgen bin ich in dieses Bankgespräch gegangen ohne Provokation, aber mit einer tiefen inneren Haltung: Mir ist egal, was rauskommt. Beide Wege führen irgendwohin.
Bernd hat dafür einen Begriff aus Frankl: Selbstdistanzierung. Die Fähigkeit, sich von der eigenen Angst zu lösen, ohne sie wegzudrängen.
Und dann: Selbsttranszendenz. Über sich hinausschauen. Wo werde ich noch gebraucht, wenn nicht hier?
Ich habe das aus dem Bauch gemacht. Frankl hat dafür ein wissenschaftliches Fundament gebaut. Interessant, dass beides am Ende auf dasselbe hinausläuft.

 

4. Transparenz ist keine Schwäche – sie ist Führung

Mein kaufmännischer Leiter hat mich damals angefleht, mit der Transparenz aufzuhören.
Die Leute würden Angst kriegen. Die würden abhauen.
Ich habe Nein gesagt.
Denn meine Erfahrung ist: Wenn Menschen nicht wissen, wie es wirklich steht, interpolieren sie ins Schlechteste. Sie bauen sich ihre eigene, oft düsterere Version der Wahrheit.
Wer die echten Zahlen kennt, weiß, wie viel Leine noch ist. Wer das nicht weiß, schießt ins Blaue.
Das Ergebnis: Kein Anstieg in der Fluktuation. Eine Mannschaft, die sich ihren Schlachtruf selbst gegeben hat – wir holen uns unsere Gewinnbeteiligung zurück.
Und als wir sie dann wieder ausschütten konnten: echter Jubel. Nicht Höflichkeitsapplaus. Echte Freude.
Menschen auf Augenhöhe ernst nehmen bedeutet auch, ihnen die Wahrheit zuzumuten.

 

5. Die Reinigungskraft auf der Autobahntoilette

Bernd hat ein Bild gebracht, das hängenbleibt.
Eine Person steht mit weißem Kittel neben einem Porzellanteller. Die Leute rennen vorbei, schauen weg, legen 20 Cent rein und nehmen einen Euro raus.
Was das mit dieser Person macht, wenn es immer und immer wieder passiert – das muss man sich nicht lange vorstellen.
Aber dann die Wendung: Diese Person kann selbst entscheiden, welche Haltung sie zur eigenen Arbeit entwickelt. Ohne auf Anerkennung von außen zu warten.
Und wenn diese Haltung nach außen strahlt, verändert sich auch, wie andere ihr begegnen.
Frankl nennt das das sinnvolle Dreieck: Sinnvolle Möglichkeit erkennen, entscheiden, umsetzen. Was andere daraus machen, ist Folge – nicht Ziel.

 

Fazit & Take-aways

  • „Sinnlos” ist ein Gefühl, keine Tatsache. Die Frage ist: Was läuft hier sinnwidrig?
  • Führung heißt, sichtbar zu machen, worauf eine Tätigkeit einzahlt.
  • Transparenz in der Krise ist kein Risiko – fehlende Transparenz ist es.
  • Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz sind keine Therapiebegriffe. Es sind Werkzeuge für jeden Unternehmer.
  • Wertschätzung ist keine Einbahnstraße. Sie kann auch vom Einzelnen ausgehen – unabhängig davon, ob sie erwidert wird.

Wenn du jetzt drei Fragen mit in die Woche nehmen möchtest:
  • Weiß deine Mannschaft, worauf ihre Arbeit einzahlt – konkret, nicht abstrakt?
  • Wie transparent bist du, wenn es wirklich eng wird?
  • Wo läuft in deinem Unternehmen gerade etwas sinnwidrig – und was wäre die sinnvolle Möglichkeit?

 

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